Matthew Davis. Endlosschlaufen der Sensation

Dr. Viola Weigel, Leiterin der Kunsthalle Wilhelmshaven

Der Weg von der Vergnügungsstadt Blackpool an der englischen Küste zum digitalen Pixel-Park ist nur ein Mouseclique entfernt, denkt man im Blick auf Roller Coaster. Wenn wir vor die Werke von Matthew Davis treten, lösen sich allerdings die zuvor gewonnenen Gewissheiten buchstäblich in einen Nebel von leuchtenden Farbpunkten auf. Ihre gegenüber dem Pixel wechselnde organische Tropfenform verleihen dem Bildraum eine gedehnte Räumlichkeit. Ähnlich wie Jackson Pollock legt Davis die Leinwand flach auf den Tisch, um den Verlauf und die Menge der Farbe, die Punkt für Punkt, Schicht für Schicht auf die Leinwand tropft, zu kontrollieren.Die knalligen Kunstharzlacke und Emailfarben schaffen eine verführerisch glänzende, je nach Außenlicht mal stumpfe mal schimmernde Oberfläche. Dabei stimmt Davis den Aufbau der zahlreichen Klecks-Bausteine mit dem Motiv genau aufeinander ab.

Die Auswahl seiner uns so vertrauten Bildmotive aus der Kultur des Populären ist sehr präzise. Denn die Fußballstadien, Rummelplätze oder Konzertbühnen dürfen keinen eigenen „Fingerabdruck“ hinterlassen und müssen wie das Farbmaterial durch ihre formale Erscheinung überzeugen. Die jeweiligen fotografischen Vorlagen lassen sich so leichter in eine in sich stimmige, malerische Parallelwirklichkeit übersetzen. Ebenso gemeinsam ist den Motiven die Verbindung von kollektiver Sensation – einem übergreifenden Wir-Gefühl – und dem Einzelerlebnis. Die Musikband the thermals sang: „You dissolve / It’s the only way you operate / You dissolve into steam / You dissolve like a dream“1.

In der Nacht gehen wir gerne Achterbahn fahren. Doch im Ornament der glitzernden Endlosschlaufe von Roller Coaster erfahren wir auch den für die Moderne typischen Leerlauf einer grenzüberschreitenden Erfahrung. Die Lichtfarbkünste der Pointillisten, Robert Delaunays Cardiff Team, 1912, Mark Gertlers Merry-Go-Round, 1916, die Werke der Camden Town Group und Chuck Close lassen von ferne grüßen. Während Blaise Drummond uns mit den Brüchen unserer medialen Bildsprachen konfrontiert und Robert Sherratt Technik mit Zufallsmalerei auslotet, zielt Davis darauf, den Betrachtern durch die permanent verursachte „Überaufmerksamkeit“ auch die Vernebelungsstrategien von Bildern vor Augen zu führen. 1 Du löst Dich auf / Das ist die einzige Art, in der Du funktionierst / Du löst Dich in Dampf auf“, Lied „you dissolve“ aus dem Album now we can see, the thermals 2008.

Matthew Davis. Endlosschlaufen der Sensation”, in: Malerei ohne Malerei. Aktuelle Positionen im Post-Action-Painting, hrsg. von Viola Weigel, Ausst.-Kat. Kunsthalle Wilhelmshaven, Wilhelmshaven 2009, S. 42.